Paradebeispiel der Patientenbeteiligung
Norbert Kuster hat seit Jahrzehnten Typ1-Diabetes, eine Form der Zuckererkrankung. Aus etlichen Gesprächen mit Leidensgenossen weiß er, „dass viele Patienten Angst und Bedenken vor Studien haben“, in denen neue Medikamente und Therapien getestet werden sollen. Nicht selten, sagt Kuster weiter, „liegt das auch daran, dass die Ärzte ihren Patientinnen und Patienten nicht gut genug erklären, was in solchen Studien wie und warum passiert und dass die Studien nicht gerade patientenfreundlich gestaltet sind.“
Soweit, so schlecht, denn ohne gute Studien – und ihre Teilnehmenden – gibt es keinen geprüften „evidenzbasierten“ medizinischen Fortschritt. Und der ist auch bei Zuckererkrankungen noch immer unverzichtbar, weil viele Betroffene unter schwerwiegenden Folgen leiden, wie Herz-Kreislauf- oder Nierenerkrankungen, Erblindung - und/oder dauerhaften Geschwüren („Ulkus“) am Fuß, bedingt durch eine gestörte Durchblutung in den unteren Extremitäten.
Gerade dieser Fuß-Ulkus, sagt Kuster, „wird von vielen Diabetikern unterschätzt.“ Dann droht schlimmstenfalls die Amputation von Zehen oder des gesamten Fußes. „Um das zu verhindern, nutzen wir in der LMU-Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie sporadisch ein Verfahren welches bislang überwiegend in China eingesetzt wurde, die sogenannte transverse Kallusdistraktion“, sagt Dr. Markus Laubach, Assistenzarzt und Projektkoordinator. Kern dieser Therapie über vier bis acht Wochen ist ein kleinerer Eingriff am Schienbeinknochen bei dem ein äußeres Gestell, ein sogenannter Fixateur extern, angebracht wird. Er kann die Heilung eines Fuß-Ulkus fördern, weil er, so wird in bisherigen experimentellen Studien postuliert, eine biologische Reaktion auslöst, die die Durchblutung und Regeneration im gesamten Unterschenkel - also auch im Fuß - verbessert.
So funktioniert die transverse Kallusdistraktion
Abbildung:
(1) Chronische Fußwunden bilden die Ausgangssituation.
(2) Zunächst wird ein kleiner Knochenblock im oberen Bereich des Schienbeins (Tibia) unterhalb der Haut durchtrennt. Anschließend wird ein äußeres Fixationssystem, ein sogenannter Fixateur externe, angebracht. Der Knochenblock wird täglich mit Unterstützung des Fixateurs externe um etwa 1 mm verschoben. Dadurch sollen die Durchblutung und die Regeneration des Gewebes angeregt werden.
(3) Während dieser schrittweisen Verschiebung verbessert sich die Wundheilung zunehmend.
(4) Nach einer Verschiebung von etwa 15 mm wird der Knochenblock zurück an seine ursprüngliche Stelle bewegt, solange das neu gebildete Knochengewebe noch formbar ist.
(5) Nach Entfernung des Fixateurs wächst der Knochenblock wieder an seiner ursprünglichen Position fest ein; die Fußwunden sind dann abgeheilt. (angepasst aus Ries, Laubach [1])
Bildquelle: 1. Ries S, Laubach M. Diabetischer Fuß und die psychosozialen Folgen. Pflegezeitschrift 2026;79(5):60-63.
Eine hochwertige Studie für die neue Methode
Ob aber die Betroffenen wirklich profitieren – und falls ja, wie viele, soll nun eine hochwertige Studie mit allen modernen Standards klären. Hierzu hat die Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie gemeinsam mit dem Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf Patientinnen und Patienten sowie deren Angehörige in die Studienplanung einbezogen. Über ein Jahr entstand dabei „nicht nur in mehreren Workshops eine intensive wunderbare Zusammenarbeit auf Augenhöhe“, sagt Norbert Kuster.
Das erste Ziel: den Patientinnen und Patienten die Angst vor der Teilnahme an der Studie zu nehmen. Nach Angaben von Kuster ist dabei die Aufklärung über Sinn, Zweck und Ablauf der Studie wesentlich – und ein genaues Briefing, was an Belastungen auf die Teilnehmenden zukommt. Diese Aufklärung soll in einem ausführlichen Erstgespräch zwischen ärztlichem Fachpersonal und Teilnehmenden erfolgen und durch eine Broschüre, „die in Alltagssprache erstellt werden soll. Verständlichkeit ist für uns Patienten ein entscheidender Punkt.“ Für die Ärztinnen und Ärzte auf der anderen Seite, sagt Markus Laubach, „wird die Studiendurchführung unterstützt, denn wir haben jetzt Dinge auf dem Schirm wie die häusliche Versorgung, die familiären Herausforderungen oder auch psycho-soziale Aspekte, die wir sonst womöglich nicht in ausreichender Art und Weise im Fokus haben.“
Gründung eines neuen Patientenvereins
Und mehr noch: Im Zuge der Workshops stellte sich heraus, wie groß der Bedarf an nachhaltiger patientenzentrierter Vernetzung über die jetzt geplante Studie hinaus ist. So wurde aus der zunächst begrenzten Initiative der bundesweite Verein PRO-LIMB-NET e. V. gegründet (www.ttt-surgery.de). „Er versteht sich als Sprachrohr für Menschen mit drohendem oder bestehendem Extremitätenverlust“, sagt Kuster, „und setzt sich dafür ein, dass generell Bedürfnisse der Patienten wie Lebensqualität, Mobilität, Selbstständigkeit und soziale Teilhabe stärker als bisher in Versorgung und Forschung berücksichtigt werden.“
Darüber hinaus will PRO-LIMB-NET e. V. die Selbstwirksamkeit und Gesundheitskompetenz von Betroffenen stärken. Durch Informationsangebote, Austauschformate und Vernetzungsmöglichkeiten sollen Menschen mit diabetischen Fußgeschwüren befähigt werden, ihre Erkrankung besser zu verstehen, informierte Entscheidungen zu treffen und ihre Interessen gegenüber dem Gesundheitssystem selbstbewusst zu vertreten.
Für Norbert Kuster ist die Initiative „ein Paradebeispiel dafür, wie es sein kann, wenn Ärzte, Wissenschaftler und Patienten zusammen etwas auf die Beine stellen. Und das sorgt für mehr Akzeptanz, für mehr Awareness und für weniger Leid.“
Kontakt
Dr. med. Markus Laubach, Ph.D., MBA
Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, Muskuloskelettales Universitätszentrum München (MUM), LMU Klinikum