Pressemitteilungen | 17.06.2026
Medikamentenstudien

Hoffnung auf bessere Behandlung kognitiver Einschränkungen bei Schizophrenie

Internationale Studie untersucht etabliertes Herzmedikament
Menschen mit Schizophrenie leiden häufig nicht nur unter psychotischen Symptomen, sondern auch unter Einschränkungen von Aufmerksamkeit und Gedächtnis. Eine multizentrische Studie, die an vier bayerischen Universitätsklinika durchgeführt worden ist, mit maßgeblicher Beteiligung von Prof. Dr. Alkomiet Hasan von der Universitätspsychiatrie Augsburg und Prof. Dr. Peter Falkai vom LMU Klinikum München zeigt nun, dass der Wirkstoff Spironolacton das Potenzial haben könnte, diese kognitiven Beeinträchtigungen zu verbessern.
Die Forschenden untersuchten, ob Spironolacton – ein seit den 1960er Jahren bekanntes Medikament zur Behandlung von Herzinsuffizienz – auch positive Effekte auf die kognitive Leistungsfähigkeit von Menschen mit Schizophrenie haben kann. 

An der Placebo-kontrollierten klinischen Studie waren mehrere wissenschaftliche Einrichtungen aus Deutschland sowie ein Forschungspartner aus den USA beteiligt. Die Forschenden untersuchten, ob Spironolacton – ein seit den 1960er Jahren bekanntes Medikament zur Behandlung von Herzinsuffizienz – auch positive Effekte auf die kognitive Leistungsfähigkeit von Menschen mit Schizophrenie haben kann. Bisher gibt es keine wirksamen pharmakologischen Behandlungsoptionen für die kognitiven Symptome bei der Schizophrenie. In der Studie erhielten die Teilnehmenden über einen Zeitraum von drei Wochen entweder 100 Milligramm oder 200 Milligramm Spironolacton oder ein Placebo. Vor und nach der Behandlung wurden verschiedene kognitive Leistungen wie Aufmerksamkeit und Gedächtnis getestet.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Spironolacton die kognitive Leistungsfähigkeit von Menschen mit Schizophrenie verbessern könnte, wobei die Befunde als präliminär zu verstehen sind: „Kognitive Einschränkungen gehören zu den belastendsten Symptomen der Schizophrenie, weil sie den Alltag und die soziale Teilhabe der Betroffenen stark beeinflussen“, sagt Prof. Dr. Alkomiet Hasan, Inhaber des Lehrstuhls für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Fakultät Augsburg und Erstautor der Studie. „Unsere Ergebnisse zeigen erstmals in einer klinischen Studie, dass ein bereits etabliertes Medikament hier möglicherweise einen therapeutischen Nutzen haben könnte. Allerdings müssen diese Befunde in größeren Stichproben repliziert werden.“

Neue Chancen durch bekannte Medikamente

Die Studie ist zugleich Teil eines wichtigen Forschungsschwerpunkts des Lehrstuhls für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Augsburg und der lokalen Aktivitäten des Deutschen Zentrums für psychische Gesundheit am Standort München-Augsburg: dem sogenannten Drug Repurposing. Dabei werden bereits zugelassene Medikamente darauf untersucht, ob sie auch bei anderen Erkrankungen wirksam eingesetzt werden können. Der Vorteil dieses Ansatzes liegt darin, dass Wirkstoffe, Nebenwirkungen und Sicherheitsprofile häufig bereits gut bekannt sind. „Drug Repurposing eröffnet die Möglichkeit, neue Therapieansätze schneller in die klinische Anwendung zu bringen“, erklärt Prof. Peter Falkai, Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie und Psychotherapie am LMU Klinikum München. „Gerade in der Psychiatrie und Psychotherapie, wo dringend neue Behandlungsoptionen benötigt werden, ist das ein sehr vielversprechender Weg.“ Das neurobiologische Labor aus der Klinik von Prof. Falkai hatte die Grundlagenforschung für diese Studie in den letzten 15 Jahren vorangebracht.

Weitere Studien notwendig

Besonders interessant sei dabei, dass Spironolacton bereits seit Jahrzehnten klinisch eingesetzt werde und seine Wirkungen sowie Nebenwirkungen gut bekannt seien. Bevor ein Einsatz in der klinischen Routine möglich ist, seien jedoch weitere Studien mit größeren Patientengruppen notwendig. Die Forschenden betonen, dass die aktuellen Ergebnisse einen wichtigen Schritt darstellen, zugleich aber noch keine unmittelbare Änderung der Behandlungsempfehlungen bedeuten. Ziel weiterer Untersuchungen wird es sein, die Wirksamkeit und Sicherheit der Therapie langfristig zu überprüfen.

Originalpublikation

Hasan, A., Leucht, S., Roeh, A. et al. Antagonizing NRG1-ERBB4 signaling pathway with spironolactone for the treatment of schizophrenia: results of a randomized controlled drug repositioning clinical trial. Communications Medicine 6, 337 (2026). DOI: https://doi.org/10.1038/s43856-026-01714-3

Prof. Dr. Peter Falkai in Lancet-Kommission zu Schizophrenie berufen

Internationale Initiative zur besseren Versorgung psychotischer Störungen

Weltweit sind rund 23 Millionen Menschen von Schizophrenie betroffen. Um die aktuellen Erkenntnisse in Forschung und klinischer Praxis systematisch zu bewerten, hat die renommierte Fachzeitschrift Lancet eine neue Kommission initiiert. Mit dabei sind auch Mediziner des LMU Klinikums München. Prof. Dr. Peter Falkai, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, erklärt die Hintergründe und Erwartungen.

Herr Prof. Falkai, warum macht eine solche Kommission Sinn? Gibt es Lücken in der Versorgung der Patientinnen und Patienten mit Schizophrenie?

Prof. Falkai: Ja, diese Lücke gibt es insbesondere in der Langzeittherapie. Die Schizophrenie hätte eine viel bessere Prognose, wenn man früh und effektiv behandeln und lange genug eine Rezidivprophylaxe betreiben würde. Gleichzeitig stehen wir vor der Herausforderung, dass die bisherigen diagnostischen Konzepte die biologische und klinische Vielfalt psychotischer Erkrankungen nur teilweise erfassen. Die Kommission soll deshalb sowohl Versorgungsfragen als auch grundlegende konzeptionelle Fragen neu bewerten.

Welche weiteren psychotischen Störungen sind Gegenstand der Diskussionen in der neue Forschungsinitiative?

Prof. Falkai: Die Kommission beschäftigt sich mit dem gesamten Spektrum der sogenannten Schizophrenia Spectrum Disorders. Dazu gehören neben der Schizophrenie weitere psychotische Störungsbilder und Untergruppen, die wichtige Gemeinsamkeiten hinsichtlich Ursachen, Diagnostik und Behandlung aufweisen.

Welche Expertise bringt die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am LMU Klinikum bei der Lancet-Kommission ein?

Prof. Falkai: Neben der Alzheimerschen Erkrankung gehört die Schizophrenie zu den zentralen wissenschaftlichen und klinischen Schwerpunkten der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am LMU Klinikum. Besonders zu nennen sind hier Prof. Thomas Schulze auf dem Gebiet der Genetik, Prof. Nikolaos Koutsouleris im Bereich der Früherkennung und Frühintervention sowie meine eigenen Arbeiten zum mechanistischen Verständnis psychotischer Erkrankungen, insbesondere zur Neuroplastizität. Weitere Schwerpunkte sind die Forschung von Frau Dr. Isabel Maurus im Bereich der Sportpsychiatrie und von Frau Dr. Joanna Moussiopoulou zu neurobiologischen und immunologischen Prozessen bei psychotischen Erkrankungen.

Werden auch Betroffene und Angehörige an den Beratungen teilnehmen?

Prof. Falkai: Die Beteiligung von Betroffenen und Angehörigen ist ein wichtiger Bestandteil der Lancet-Kommission. Ihre Perspektiven sind unverzichtbar, wenn es darum geht, praxisnahe Empfehlungen für Diagnostik, Behandlung und Versorgung zu entwickeln. Sie sollen die Prioritätensetzung, die Interpretation der Ergebnisse und die Entwicklung praxisrelevanter Empfehlungen mitgestalten.

Hat die Mitwirkung Ihrer Klinik an einer solchen Initiative auch Vorteile für Ihre Patienten, weil z.B. die Teilnahme an neuen Studien möglich wird?

Prof. Falkai: Ja, da mit der Publikation des Arbeitsberichtes der Lancet Kommission eine gute Übersicht über optimale diagnostische und therapeutische Möglichkeiten in diesem Feld quasi in Form einer Landkarte zusammengetragen werden. Davon profitieren sowohl die klinische Versorgung als auch die Entwicklung zukünftiger Forschungsprojekte und Studien. Unsere Patientinnen und Patienten profitieren dadurch mittelbar von einer noch stärker evidenzbasierten Behandlung.

Was erwarten Sie von der Arbeit der neuen Lancet-Kommission und bis wann sollen die Ergebnisse der Beratungen vorliegen?

Prof. Falkai: Ich erwarte einen wichtigen Erkenntnisgewinn insbesondere auf Gebieten, die noch nicht ausreichend erforscht sind. Gleichzeitig hoffe ich auf international konsentierte Empfehlungen, die Forschung, klinische Praxis und Gesundheitspolitik gleichermaßen unterstützen. Die Veröffentlichung der Ergebnisse ist für Mitte 2028 vorgesehen.

Wie viele Institutionen sind an der Kommission beteiligt, was zeichnet diese aus?

Prof. Falkai: An der Kommission sind 56 Expertinnen und Experten aus zahlreichen führenden Universitäten und Forschungseinrichtungen weltweit beteiligt. Vertreten sind unter anderem Europa, Nordamerika, Asien, Afrika, Südamerika und Ozeanien. Ziel ist es, die internationale wissenschaftliche Expertise sowie unterschiedliche Versorgungsperspektiven zusammenzuführen.

Die Arbeit erfolgt in einer Kombination aus persönlichen Treffen und regelmäßigen virtuellen Sitzungen der Gesamtkommission sowie der einzelnen Arbeitsgruppen. Bisher hat bereits ein persönliches Treffen stattgefunden, weitere Abstimmungen erfolgen überwiegend virtuell.

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Kontakt

Prof. Dr. med. Peter Falkai

Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, LMU Klinikum München