Schon Kleinkinder profitieren von der Gentherapie
An der Augenklinik des LMU Klinikums München wurde erstmals ein 13 Monate alter Junge erfolgreich mit einer Gentherapie gegen Leber'sche Kongenitale Amaurose (LCA) behandelt – einer der jüngsten Patienten weltweit. Der Junge leidet an der speziellen LCA2-Form der Erkrankung. Bei der Therapie wird ein defektes RPE65-Gen durch eine funktionstüchtige Genkopie ersetzt, die direkt unter die Netzhaut injiziert wird. Das von diesem Gen kodierte Enzym sorgt dafür, dass ein für das Sehen notwendiger Stoff – ein lichtempfindliches Vitamin-A-Derivat – immer wieder erneuert wird. Der Eingriff verlief komplikationslos; bereits drei Wochen später zeigte der Patient eine deutliche Sehverbesserung.
Prof. Dr. Siegfried Priglinger, der die Methode 2019 als Erster in Deutschland einführte, betont: Je früher die Therapie erfolgt, desto größer sind die Chancen auf Erhalt und Wiederherstellung der Sehkraft. Nach sieben Jahren Erfahrung zieht sein Team eine durchweg positive Bilanz – und sieht in der Gentherapie einen wichtigen Schritt hin zur Behandlung bislang unheilbarer Augenerkrankungen.
LCA steht für Leber'sche Kongenitale Amaurose. Sie ist keine einzelne Erkrankung, sondern eine Gruppe seltener, angeborener Netzhauterkrankungen, die alle zu einem ähnlichen Krankheitsbild führen und lange Zeit als unheilbar galten. Häufig sind genetische Veränderungen die Ursache. Eine spezielle Form, die sogenannte LCA2, entsteht durch Mutationen im sogenannten RPE65-Gen. Dieses Gen ist in den retinalen Pigmentepithelzellen der Netzhaut aktiv und spielt eine wichtige Rolle im Sehprozess. Es sorgt dafür, dass ein für das Sehen notwendiger Stoff – ein lichtempfindliches Vitamin-A-Derivat – immer wieder erneuert wird. Ist diese Funktion gestört, kann das Auge Licht nicht mehr richtig verarbeiten. Betroffene Patientinnen und Patienten leiden daher schon früh unter stark eingeschränktem Sehvermögen und ausgeprägter Nachtblindheit. Im weiteren Verlauf kann sich die Sehfähigkeit weiter verschlechtern – bis hin zur Erblindung.
Eingeschleuste intakte RPE65-Genkopien für eine bessere Sehkraft
Ist das RPE65-Gen defekt, kann seit einigen Jahren in der Netzhaut ein gesundes Gen hinzugefügt (supplementiert) werden. Hierfür wird das funktionstüchtige Gen im Rahmen eines einmalig mikrochirurgischen Eingriffs nach Entfernung des Glaskörpers unter die Netzhaut am Augenhintergrund injiziert und dann in einer Art Virus-Taxi in die krankhaften Zellen der Netzhaut eingeschleust. Der therapeutische Effekt: Die defekten Zielzellen nehmen ihre Funktion wieder auf und sorgen so dafür, dass der physiologische Sehzyklus wiederhergestellt wird. „Auf diese Weise können wir nicht nur den Krankheitsverlauf bremsen, sondern tatsächlich verloren gegangene Funktionen zurückgewinnen – und das möglicherweise dauerhaft,“ sagt Prof. Dr. Siegfried Priglinger. Der Direktor der Augenklinik am LMU Klinikum München führte die damals neu zugelassene Gentherapie 2019 als Erster in Deutschland durch.
Breakthrough Prize für Genersatztherapie bei LCA
Jean Bennett, Katherine A. High und Albert Maguire (University of Pennsylvania) haben am 18. April 2026 den Breakthrough-Preis für ihre Arbeiten erhalten, die zur Genersatztherapie bei Leber'scher Kongenitaler Amaurose geführt haben. Diese war die erste von der FDA zugelassene Gentherapie für eine genetische Erkrankung. Die Breakthrough-Preise sollen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ehren, deren Entdeckungen maßgeblich zum Wachstum des menschlichen Wissens beitragen.
Je früher behandelt wird, desto besser
Die klinische Symptomatik einer LCA beginnt oft schon nach der Geburt. Dennoch bleibt die Erkrankung in vielen Fällen lange unerkannt. So ist es auch Magnus und seinen Eltern ergangen, die erst nach einer Ärzteodyssee die Diagnose LCA erhielten. 2022 wurde er von Professor Priglinger in der Augenklinik operiert. Der Behandlungserfolg hält bis heute an und hat die Lebensqualität des inzwischen Zehnjährigen deutlich verbessert.
Nun operierte Professor Priglinger erstmals einen 13-monatigen Jungen mit LCA. Er ist einer von zwei jüngsten kleinen Patienten weltweit, bei dem die Gentherapie angewendet wurde. Der Eingriff an einem so kleinen Auge bedeutet selbst für den erfahrenen Operateur eine besondere Herausforderung. Für die LCA gilt jedoch: Die Prognose ist am besten, wenn die Gentherapie so früh wie möglich erfolgt. Denn dann ist die Chance besonders groß, dass noch genug vitales Netzhautgewebe vorhanden ist. Ist die Degeneration jedoch zu weit fortgeschritten, greift die Gentherapie nicht mehr.
Die Operation des kleinen Wares...
... wurde live auf dem VM Retina Meeting München übertragen.
Der kleine Wares hat den Eingriff am ersten Auge bestens überstanden – ohne nennenswerte Beeinträchtigungen. „Das ist ein weiteres Plus der Behandlung: dass sie im Allgemeinen sehr gut verträglich und nebenwirkungsarm ist“, sagt Professor Priglinger. Bereits nach drei Wochen beobachteten die Eltern eine deutliche Verbesserung des Sehvermögens bei ihrem Sohn: „Plötzlich konnte er erstmals zielgerichtet nach dem Handy greifen“, freut sich der Vater. Letzte Woche erfolgte die OP am zweiten Auge des kleinen Patienten, die Professor Priglinger im Rahmen des Kongresses VM Retina Meeting München als Live-OP durchführte. Auch dieser Eingriff verlief vollkommen problemlos. Wares kann nun auf eine deutlich verbesserte Sehfähigkeit hoffen – und damit auf ein weitgehend beschwerdefreies Leben.
Positive Bilanz
Inzwischen können Professor Priglinger und sein Team auf sieben Jahre Erfahrung mit der Gentherapie zurückblicken – und die Bilanz ist rundum positiv: „Zwar lässt sich das Sehvermögen meist nicht vollständig wiederherstellen, doch für Kinder, die in Dunkelheit und bei schlechten Lichtverhältnissen kaum noch etwas sehen konnten, bedeutet diese Behandlung einen Quantensprung.“
Weitere Gentherapien für andere Netzhauterkrankungen finden sich bereits in klinischer Erprobung. „Dies unterstreicht die Bedeutung der Präzisionsmedizin bei der Behandlung seltener vererbbarer Augenleiden. Denn Gentherapien eröffnen die Aussicht, bislang unheilbare Augenerkrankungen zu therapieren und so zu verhindern, dass Menschen erblinden“, so Professor Priglinger.
FAQ – die wichtigsten Fragen und Antworten zu Gentherapie bei LCA
LCA ist keine einzelne Krankheit, sondern eine Gruppe seltener, angeborener Netzhauterkrankungen, die bereits bei der Geburt oder in den ersten Lebensmonaten zu schweren Seheinschränkungen führen und unbehandelt zur vollständigen Erblindung führen können. Statistisch kommt eines von rund 33.000 bis 50.000 Neugeborenen mit LCA zur Welt. Die aktuell einzig behandelbare Unterform, ist die LCA2, die wird durch Mutationen im RPE65-Gen verursacht, das eine Schlüsselrolle im Sehzyklus der Netzhaut spielt.
Bei der Gentherapie wird eine funktionstüchtige Kopie des defekten RPE65-Gens direkt unter die Netzhaut injiziert. Ein AAV-Vektor, der auf einem veränderten, harmlosen Virus basiert, transportiert dabei die korrekte Genkopie in die Zellen des retinalen Pigmentepithels. Die eingeschleuste Genkopie wird aktiviert und produziert ein Enzym, das im besten Fall die normale Zellfunktion wiederherstellt. Der Eingriff erfordert zunächst die Entfernung des Glaskörpers und ist ein hochspezialisierter mikrochirurgischer Eingriff.
Die Therapie ist offiziell zugelassen. Das Präparat heißt Voretigene Neparvovec. Im Jahr 2017 erhielt es als erste Gentherapie überhaupt die Zulassung der US-amerikanischen FDA für eine Augenerkrankung oder eine vererbte Erkrankung. In Europa ist das Präparat als sogenannte „Orphan Medicine" für seltene Krankheiten zugelassen; es kann nur auf Rezept und ausschließlich von einem in der Augenchirurgie erfahrenen Spezialisten verabreicht werden.
In Deutschland wurde die Therapie 2019 erstmals an der Augenklinik des LMU Klinikums München durchgeführt. Entwickelt haben die Therapie der Augenarzt Albert Maguire und die Molekularbiologin Jean Bennett gemeinsam mit der Medizinerin Katherine High. Sie haben im April 2026 den mit drei Millionen Dollar dotierten Breakthrough Prize für Biowissenschaften erhalten.
Die Behandlung wirkt vor allem bei jüngeren Patienten hervorragend, da noch vitales Restgewebe vorhanden ist. Patienten, welche zuvor nachtblind waren, können sich nun mehr wieder in der Nacht und bei schlechter Beleuchtung frei bewegen. Die jungen Patienten zeigen zudem eine Verbesserung der Sehschärfe auf. Diese Verbesserung der Sehfähigkeit hielt in den Studien mindestens drei Jahre an. Laut Prof. Priglinger lässt sich das Sehvermögen zwar meist nicht vollständig wiederherstellen, doch für Kinder, die in Dunkelheit und bei schlechten Lichtverhältnissen kaum noch etwas sehen konnten, bedeute die Behandlung einen „Quantensprung". Entscheidend ist dabei der Zeitpunkt der Behandlung: Je früher die Therapie erfolgt, desto mehr vitales Netzhautgewebe ist noch vorhanden – und desto besser die Prognose.
Die Therapie gilt insgesamt als gut verträglich. Zu den möglichen schwerwiegenden Nebenwirkungen zählen Augeninfektionen einschließlich einer ernsthaften Infektion im Augeninneren (Endophthalmitis), die zur Erblindung führen kann, ein dauerhafter Rückgang der Sehschärfe sowie Veränderungen der Netzhaut, die zu Sehverlust führen können. Zudem haben Berichte über Netzhautatrophien nach der Behandlung Bedenken hinsichtlich möglicher Langzeitfolgen geweckt. Häufiger sind jedoch leichtere, vorübergehende Beschwerden wie Augenentzündungen oder erhöhter Augeninnendruck als Folge des operativen Eingriffs.
Die Gentherapie mit Voretigene Neparvovec ist das erste zugelassene ursächliche Behandlungsverfahren für diese schwere Augenerkrankung. Wie der aktuelle Fall am LMU Klinikum München zeigt, kann sie inzwischen auch bei Kleinkindern ab etwa einem Jahr eingesetzt werden. Der behandelnde Chirurg am LMU Klinikum, Prof. Priglinger, betont: "Je früher behandelt wird, desto größer ist die Chance, noch ausreichend lebensfähiges Netzhautgewebe vorzufinden. Ist die Degeneration zu weit fortgeschritten, greift die Gentherapie nicht mehr."
Die Gentherapie gehört zu den teuersten Behandlungen der Medizin. Die Kosten für die Behandlung beider Augen belaufen sich auf rund 600.000 Euro, die von der Krankenkasse getragen werden. Der hohe Preis ergibt sich aus der aufwendigen Herstellung des Vektors, dem hochspezialisierten Eingriff sowie der Tatsache, dass die Erkrankung sehr selten ist und die Entwicklungskosten auf eine kleine Patientengruppe umgelegt werden müssen.
Mutationen im RPE65-Gen können neben LCA auch Retinitis pigmentosa verursachen, eine weitere schwerwiegende erbliche Netzhauterkrankung. Darüber hinaus befinden sich laut Prof. Priglinger weitere Gentherapien für andere Netzhauterkrankungen bereits in klinischer Erprobung. Die positiven Ergebnisse der LCA-Gentherapie haben eine neue Ära der molekularen Netzhautmedizin eingeläutet – mit Auswirkungen auf weitere Erblindungserkrankungen und die Gentherapie insgesamt. Experten sehen in der Präzisionsmedizin einen vielversprechenden Weg, bislang unheilbare Augenerkrankungen künftig kausal zu behandeln.
Quellen und weitere Links
- Pressemitteilung: Erste zugelassene Gentherapie in der Augenheilkunde am Klinikum der LMU München durchgeführt (2019)
- Clinical gene therapy for the treatment of RPE65-associated Leber congenital amaurosis - PubMed
- Endlich heilbar: Zwei Jahre Luxturna | APOTHEKE ADHOC
- Leber Congenital Amaurosis Research Advances — Foundation Fighting Blindness
- Gene Therapy with Voretigene Neparvovec Improves Vision and Partially Restores Electrophysiological Function in Pre-School Children with Leber Congenital Amaurosis - PMC
- Gentherapie mit Nebenwirkung: Atrophie nach Behandlung mit Voretigen Neparvovec
- Luxturna | European Medicines Agency (EMA)
Kontakt
Prof. Dr. med. Priglinger, Siegfried
Direktor der Augenklinik, LMU Klinikum München
Dr. med. Gerhardt, Maximilian
Facharzt in oberärztlicher Funktion, Augenklinik, LMU Klinikum München