Behandlungsspektrum
Moderne Leberkrebstherapie ist selten ein einzelnes Verfahren – meist kombinieren wir mehrere Ansätze: chirurgisch, interventionell, medikamentös und – wo sinnvoll – strahlentherapeutisch. Welche Kombination für Sie am besten geeignet ist, entscheiden wir gemeinsam im Tumorboard und in der Sprechstunde.
Warum die Operation so wichtig ist
Die vollständige operative Entfernung (Resektion) des Tumors ist bei vielen Lebertumoren die einzige Behandlung mit heilender Zielsetzung. Voraussetzung ist, dass der Tumor vollständig entfernbar ist und die verbleibende Leber die volle Stoffwechselarbeit übernehmen kann.
Was macht Leberchirurgie besonders?
Die Leber ist ein außergewöhnliches Organ: Sie kann sich innerhalb von Wochen regenerieren und hat ein komplexes Blutgefäßsystem aus zwei zuführenden Systemen (Leberarterie und Pfortader). Eine Leberoperation ist deshalb planerisch und technisch anspruchsvoll – hohe Erfahrung des Teams ist nachweislich der wichtigste Faktor für die Sicherheit des Eingriffs.
Unser Spektrum
- Minor-Resektion: Entfernung einzelner Segmente oder umschriebener Areale – sehr häufig minimal-invasiv (laparoskopisch oder roboterassistiert).
- Major-Resektion: Entfernung eines kompletten Leberlappens (Hemihepatektomie) oder erweiterter Bezirke.
- Minimal-invasive und roboterassistierte Leberchirurgie: bei geeigneten Befunden – mit kleineren Narben, weniger Schmerzen und kürzerer Erholungszeit.
- Komplexe Leberchirurgie: Operationen an der Leberpforte, an den Lebervenen und an der unteren Hohlvene; Kombination mit Pfortaderrekonstruktion.
- Two-Stage-Verfahren (ALPPS, Pfortaderembolisation): bei ausgedehnten Befunden, wenn der verbleibende Leberrest zunächst zu klein wäre – in zwei Schritten wird das gesunde Lebergewebe zum Wachstum angeregt, bevor der Tumor entfernt wird.
Ablauf einer Leberoperation
Vor der Operation erfolgt eine sorgfältige Planung mit hochauflösender Bildgebung und 3D-Rekonstruktion, einer Volumetrie der Leber und einer Einschätzung der Leberfunktion. Der Eingriff dauert je nach Ausmaß zwischen etwa zwei und sechs Stunden. Der stationäre Aufenthalt beträgt in der Regel fünf bis zehn Tage. Details zu Vorbereitung, Narkose, Risiken und Nachsorge besprechen wir ausführlich in unserer chirurgischen Sprechstunde.
Wann kommt eine Transplantation in Frage?
Eine Lebertransplantation ist der radikalste und zugleich bei bestimmten Konstellationen effektivste Eingriff in der Behandlung von Leberkrebs: Der Tumor wird zusammen mit der gesamten erkrankten Leber entfernt und durch ein gesundes Spenderorgan ersetzt. In Deutschland kommt die Transplantation vor allem beim hepatozellulären Karzinom (HCC) auf dem Boden einer Leberzirrhose in Betracht, in ausgewählten Fällen auch beim CCC, bei bestimmten Lebermetastasen und bei seltenen Tumoren.
Kriterien und Voraussetzungen
Für das HCC gelten traditionell die Mailand-Kriterien (ein Herd bis 5 cm oder bis zu drei Herde unter 3 cm). Diese Kriterien werden in den aktuellen Leitlinien erweitert, wenn der Tumor stabil ist und keine Gefäßeinbrüche vorliegen. Ob eine Transplantation für Sie möglich ist, hängt von vielen Faktoren ab – Tumorstadium, Leberfunktion, Allgemeinzustand, Begleiterkrankungen, Alter und psychosoziale Situation. Die Entscheidung trifft das Transplantationsboard des Zentrums in mehreren Sitzungen.
Ablauf – von der Evaluation bis zur Nachsorge
- Evaluation: umfassende Untersuchung über mehrere Tage, um Eignung und Risiken zu prüfen.
- Listung: Aufnahme auf die Warteliste bei Eurotransplant; die Dringlichkeit richtet sich nach dem MELD-Score und Sonderregelungen für HCC.
- Wartezeit: Überbrückungstherapien (Bridging) wie TACE oder SBRT verhindern ein Fortschreiten des Tumors.
- Operation: Entfernung der erkrankten Leber und Implantation des Spenderorgans, typischerweise vier bis acht Stunden.
- Nachsorge: lebenslange immunsuppressive Therapie und engmaschige Kontrollen, zunächst in unserer Transplantationsambulanz, später gemeinsam mit Ihrem Hausarzt und Hepatologen.
Leben nach der Transplantation
Die Mehrheit unserer transplantierten Patientinnen und Patienten führt nach der Erholungsphase ein weitgehend normales Leben. Wichtig ist die konsequente Einnahme der immunsuppressiven Medikamente, regelmäßige Blutkontrollen und das Beachten bestimmter Verhaltensregeln (zum Beispiel Infektionsprävention, Sonnenschutz). Unsere Transplantationsambulanz begleitet Sie langfristig.
Interventionelle Verfahren werden von spezialisierten Radiologinnen und Radiologen unter Bildsteuerung (Ultraschall, CT oder Angiographie) durchgeführt. Sie kommen zum Einsatz, wenn eine Operation nicht möglich oder zu belastend wäre – aber auch ergänzend zu anderen Therapien.
Lokal-ablative Verfahren
- Radiofrequenzablation (RFA) / Mikrowellenablation (MWA): eine dünne Nadel wird durch die Haut in den Tumor vorgeschoben und erhitzt das Gewebe so stark, dass die Tumorzellen absterben. Geeignet vor allem für kleine HCC und einzelne Metastasen.
- Irreversible Elektroporation (IRE): nicht-thermisches Verfahren für Tumore in der Nähe empfindlicher Strukturen (große Gefäße, Gallengänge).
Transarterielle Verfahren
- TACE (Transarterielle Chemoembolisation): über einen Katheter in der Leistenarterie werden Chemotherapeutika und Embolisationspartikel gezielt in die tumorversorgenden Gefäße eingebracht. Der Tumor wird so „von innen“ behandelt und gleichzeitig seine Blutversorgung blockiert.
- SIRT (Selective Internal Radiation Therapy, Radioembolisation): über denselben Zugang werden winzige, mit einem Betastrahler (Yttrium-90) beladene Partikel direkt in die Tumorgefäße eingebracht. Die Strahlung wirkt lokal im Tumor, das umliegende Gewebe bleibt weitgehend geschont.
Interstitielle Brachytherapie
Die Brachytherapie – wörtlich „Kurzdistanz-Bestrahlung“ – ist ein Verfahren, bei dem eine Strahlenquelle direkt in den Tumor eingebracht wird. In der Leberkrebstherapie kommt vor allem die CT-gesteuerte interstitielle Brachytherapie mit Iridium-192 zum Einsatz: Unter örtlicher Betäubung wird eine oder mehrere dünne Hohlnadeln durch die Haut in den Tumor vorgeschoben, anschließend fährt eine ferngesteuerte Strahlenquelle über die Nadel in den Tumor und gibt dort eine hohe Strahlendosis ab. Der Eingriff dauert in der Regel eine bis wenige Stunden und erfordert einen kurzen stationären Aufenthalt.
Vorteile der Brachytherapie sind die hohe Präzision und die Möglichkeit, auch größere Tumore oder Tumore in schwer zugänglicher Lage zu behandeln – etwa in der Nähe großer Gefäße oder Gallengänge, wo die Radiofrequenzablation an ihre Grenzen stößt. Die Brachytherapie wird häufig eingesetzt, wenn eine Operation nicht in Frage kommt und der Tumor für eine thermische Ablation zu groß oder ungünstig gelegen ist. Sie kann auch mit anderen Verfahren kombiniert werden.
Ablauf und Genesung
Die meisten Eingriffe werden in örtlicher Betäubung oder leichter Sedierung durchgeführt, einige unter Vollnarkose. Der stationäre Aufenthalt beträgt je nach Verfahren einen bis wenige Tage. Typische Nebenwirkungen sind leichte Schmerzen im Bereich der Einstichstelle. . Ob und welches Verfahren für Sie in Frage kommt, entscheidet das Tumorboard gemeinsam mit unseren interventionellen Radiologen.
Medikamente, die im ganzen Körper wirken
Unter Systemtherapie fasst man alle Behandlungen zusammen, die als Medikament gegeben werden und damit den gesamten Körper erreichen – im Gegensatz zu lokalen Verfahren wie Operation oder Ablation. In der Leberkrebstherapie hat die Systemtherapie in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht.
Die wichtigsten Substanzklassen
- Immuncheckpoint-Inhibitoren: Antikörper, die die körpereigene Immunabwehr gegen den Tumor „entfesseln“ (zum Beispiel Atezolizumab, Durvalumab, Pembrolizumab, Nivolumab).
- Zielgerichtete Therapien (Tyrosinkinase-Inhibitoren): Tabletten, die bestimmte Wachstumssignale in den Tumorzellen blockieren, zum Beispiel Sorafenib, Lenvatinib, Regorafenib, Cabozantinib.
- Klassische Chemotherapie: insbesondere beim CCC (zum Beispiel Cisplatin/Gemcitabin) und bei Lebermetastasen kolorektaler Karzinome.
- Molekular gezielte Substanzen: bei bestimmten genetischen Veränderungen des Tumors, zum Beispiel FGFR2-Inhibitoren oder IDH1-Inhibitoren beim CCC.
Wie wird entschieden, was Sie bekommen?
Die Wahl der Substanz hängt ab von: Tumorart (HCC, CCC, Metastase), molekularem Profil, Leberfunktion, Begleiterkrankungen, vorangegangenen Therapien und Ihren Wünschen und Prioritäten. Eine molekulare Diagnostik (zum Beispiel umfangreiches Genpanel) ist bei vielen Fällen sinnvoll – sie kann Therapieoptionen eröffnen, die ohne diese Information übersehen würden.
Ablauf und Nebenwirkungen
Die Systemtherapie wird ambulant in unserer onkologischen Tagesklinik gegeben (Infusionen) oder zu Hause als Tabletten eingenommen. Kontrollen erfolgen regelmäßig mit Blutuntersuchungen und Bildgebung. Nebenwirkungen unterscheiden sich je nach Substanz; Immuntherapien können zum Beispiel Schilddrüsenentzündungen oder Darmprobleme verursachen. Unser Team erklärt Ihnen vor Therapiebeginn ausführlich, worauf Sie achten sollen und wie Sie Nebenwirkungen rasch melden können.
Präzise Bestrahlung der Leber
Lange galt die Leber als strahlenunempfindliches Organ, bei dem eine Bestrahlung nur schwer möglich ist. Moderne Technik hat das grundlegend verändert: Mit hochpräziser stereotaktischer Bestrahlung (SBRT) lassen sich Lebertumore heute gezielt behandeln, ohne das umliegende gesunde Gewebe wesentlich zu belasten.
Unsere Einsatzgebiete
- Stereotaktische Bestrahlung (SBRT): hochdosierte Bestrahlung kleiner bis mittelgroßer Tumore in wenigen Sitzungen (oft drei bis fünf). Alternative zur Operation oder Ablation bei bestimmten Befunden.
- MRT-gesteuerte Bestrahlung: Sogenannte MR-Linearbeschleuniger (MR-Linac) erlauben die präzise Bestrahlung unter laufenden MRT-Kontrolle. Dadurch können umliegende Organe noch besser geschont und die Lebertumore mit effektiveren Dosen behandelt werden. Die Strahlentherapie der LMU München ist eines der wenigen Zentren in Deutschland, an denen diese Technologie zur Verfügung steht
- Bridging zur Lebertransplantation: Kontrolle des Tumors in der Wartezeit auf ein Spenderorgan.
- Palliative Strahlentherapie: zur Schmerzlinderung bei Lebermetastasen, Knochenmetastasen oder Symptomlinderung bei anderen Absiedlungen.
- Kombinierte Konzepte: Strahlentherapie in Kombination mit Systemtherapie oder interventionellen Verfahren.
Ablauf einer SBRT
Vor der Behandlung erfolgt eine Planungs-CT, oft mit einer 4D-Bildgebung, um Atembewegungen zu berücksichtigen. In manchen Fällen werden kleine Gold-Marker in die Leber eingelegt, um die Zielregion während der Bestrahlung exakt verfolgen zu können. Die eigentliche Behandlung dauert pro Sitzung etwa 20 bis 45 Minuten und erfolgt ambulant. Nebenwirkungen sind meist gering; gelegentlich treten Müdigkeit, leichte Übelkeit oder ein vorübergehender Anstieg der Leberwerte auf.
Ein Team – eine Empfehlung
Das Tumorboard ist das Herzstück jeder onkologischen Behandlung in einem zertifizierten Zentrum. Es ist eine wöchentliche Konferenz, in der alle relevanten Fachrichtungen jeden einzelnen Fall gemeinsam besprechen und eine gemeinsame Therapieempfehlung erarbeiten.
Wer sitzt am Tisch?
- Viszeral- und Transplantationschirurgie
- Hepatologie
- Onkologie
- Diagnostische und interventionelle Radiologie
- Strahlentherapie
- Pathologie
- Nuklearmedizin
- Pflege, Studienkoordination, Psychoonkologie, Sozialdienst – bei Bedarf
Was passiert dort konkret?
Ihre Bilder (CT, MRT, PET/CT), Laborwerte, pathologischen Befunde und die Krankengeschichte werden für alle Teilnehmenden sichtbar projiziert. Die Radiologie demonstriert den aktuellen Befund, die Pathologie erläutert die Gewebediagnose. Anschließend diskutiert das Team die verschiedenen Therapieoptionen. Im Zentrum stehen drei Fragen: Welche Behandlung verspricht den besten Nutzen? Welche Risiken und Belastungen sind damit verbunden? Welche Option passt zu Ihrer individuellen Situation und Ihren Prioritäten?
Was bedeutet das für Sie?
Die Empfehlung des Tumorboards ist die Grundlage für das Gespräch, das anschließend zwischen Ihnen und Ihrem behandelnden Arzt stattfindet. Sie müssen am Tumorboard nicht selbst teilnehmen – wir bereiten Ihren Fall sorgfältig vor und besprechen das Ergebnis persönlich mit Ihnen. Sie können jederzeit Fragen stellen, eine Bedenkzeit einlegen oder eine Zweitmeinung einholen. Jede Behandlung erfolgt nur nach Ihrer informierten Einwilligung.