Mit dem Wind zurück ins Leben – wie Segeln Krebspatienten neue Perspektiven eröffnet
Die Diagnose Krebs ist eine Zäsur im Leben der Betroffenen und in dem ihres Umfelds. Vor allem für junge Erwachsene ist die Diagnose eine außergewöhnliche Belastung, denn während gleichaltrige eine Familie gründen, Zukunftspläne schmieden und Karriere machen, steht für sie die Welt still. Plötzlich geht es um existenzielle Fragen und die medizinische Versorgung allein reicht nicht aus, um zu genesen und den Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben zu finden.
„Primäre Gehirntumore sind selten, pro Jahr erkranken etwa sieben pro 100.000 Menschen in Deutschland neu daran. Ihre Behandlung ist kompliziert und sie sind meist besonders invasiv", erklärt Prof. Florian Ringel, der die Neurochirurgie am LMU Klinikum leitet. Eine reine OP reicht bei den meisten Gehirntumoren nicht aus. „Wir arbeiten eng mit vielen weiteren Fachdisziplinen in unserem Haus zusammen, mit der Strahlentherapie etwa, den Onkologen, der Psychoonkologie und dem onkologischen Spitzenzentrum München. Nur durch die Interdisziplinarität gelingt es, die Patientinnen und Patienten umfassend zu versorgen."
Auch wenn die medizinische Behandlung bei Yannic erfolgreich verlief, beginne die eigentliche Herausforderung oft erst danach, so Dr. Veit Stöcklein, behandelnder Arzt: „Nach der Operation und den anschließenden Therapien müssen junge Patientinnen und Patienten wie Yannic einen Weg zurück in ihr Leben finden. Die körperliche Genesung ist nur ein Teil des Heilungsprozesses – die psychosoziale Begleitung ist ebenso wichtig, um Betroffenen zu helfen, wieder Perspektiven zu entwickeln und Vertrauen in die eigene Zukunft zu gewinnen."
Reportage: Wie Segeln Krebspatienten neue Perspektiven eröffnet
Am LMU Klinikum gibt es deshalb das darauf spezialisierte Psychoonkologische Zentrum, das Menschen zur Seite steht, die ihre Krebs-Diagnose verarbeiten möchten. Das Zentrum kooperiert eng mit weiteren Einrichtungen und Angeboten, um die Betroffenen mit einer Vielzahl an Möglichkeiten unterstützen zu können. „Es hat etwas gedauert, bis ich mich mit anderen Betroffenen austauschen wollte", erinnert sich Yannic. „Denn ich hatte Angst, dass ich die Schwere der Geschichten nur schwer verarbeiten kann. Dann wurde ich aber von meiner Psychoonkologin am LMU Klinikum auf reSAILience aufmerksam gemacht." Schon wenige Wochen später ist er gemeinsam mit sechs weiteren Betroffenen in Griechenland auf einem Segelschiff, setzt die Segel, springt ins Wasser und steht am Steuer.
Sich verstehen können ohne sich erklären zu müssen
In der geschützten Gemeinschaft an Bord entstehen immer wieder Gespräche über das Erlebte, die Diagnose, die alle eint, die Therapien, die Ängste. „Wir haben alle unterschiedliche Krebsformen, trotzdem braucht es nicht viele Worte, um den anderen zu erklären, was ich fühle. Wir alle kennen die Angst vor den Kontrollterminen oder die Sorge um die Angehörigen", sagt Yannic. Genau deshalb fühle er sich so verstanden von den anderen und das gebe ihm Kraft.
Hinter reSAILience stehen neben elf weiteren ehrenamtlich Engagierten auch Nele Lienhard und Dr. Philipp Seifert. Beide haben sich nach ihren eigenen Krebsdiagnosen beim Segeln kennengelernt. „Ich musste mich mit 21 Jahren mit dem Tod auseinandersetzen, nach einer Diagnose, die plötzlich alle Träume und Pläne in unerreichbare Ferne rücken ließ", erzählt Lienhard. „Erst durch das Segeln habe ich eine neue Perspektive gefunden, die es mir erlaubt hat, neue Pläne zu schmieden." Heute sagt die Mitgründerin, Vorständin und Co-Skipperin bei reSAILience: „Mir selbst hat Segeln nach meiner Krebserkrankung sehr geholfen. Deshalb bedeutet es mir viel, diese Erfahrung mit anderen Betroffenen teilen zu können und sie bei ihrer Krankheitsbewältigung zu begleiten."
Philipp Seifert hat die Diagnose während seines Physikstudiums bekommen und kurz danach beschlossen, Medizin zu studieren. Er ist einer der Gründer von reSAILience e.V. und arbeitet mittlerweile als Assistenzarzt der Inneren Medizin am LMU Klinikum. Ehrenamtlich engagiert er sich als Vorstand und Skipper im Verein. „Unser Team verbindet nicht nur die Begeisterung fürs Segeln, sondern auch die Faszination für gesundheitliche Themen, insbesondere die psychosoziale Versorgung junger Erwachsener mit Krebs“, sagt er. „Denn die alleinige medizinische Behandlung reicht hier oft nicht aus. Um Betroffene nachhaltig zu stabilisieren, braucht es Angebote, die darüber hinaus gehen.“ Durch den Austausch an Bord, die Gemeinschaft und die Selbsterfahrung in der Natur ermöglicht der Verein es den Menschen, ihre Grenzen neu auszutesten, Mut zu schöpfen und mit neuer Kraft in die Zukunft zu blicken.
Infokasten: Wer kann mitsegeln?
Das Angebot von reSAILience richtet sich an junge Erwachsene, von 18 bis 45 Jahren, die von einer Krebserkrankung betroffen sind – egal ob aktuell in Behandlung, direkt nach Therapieende oder bereits in Remission. Das Ziel ist es, Menschen in ähnlichen Lebenssituationen zusammen zu bringen. Zukünftig soll das Angebot auch für Betroffene anderer schwerwiegender Erkrankungen erweitert werden.
Alle Informationen zu den geplanten Törns, den Teilnahmebedingungen und zur Bewerbung gibt es auf der Website von reSAILience.
Über reSAILience e.V.
reSAILience e.V. ist ein 2023 gegründeter, gemeinnütziger Verein, der junge Erwachsene nach einer Krebserkrankung dabei unterstützt, neue Kraft, Zuversicht und Lebensmut zu gewinnen. Im Rahmen von 7- bis 10-tägigen Hochsee-Segeltörns verbinden sich Abenteuer, Gemeinschaft und professionelle Begleitung zu einer besonderen Form der Rehabilitation.
Das interdisziplinäre Team vereint medizinische und psychologische Fachkompetenz mit der Erfahrung von Betroffenen und arbeitet vollständig ehrenamtlich.
Kontakt
Dr. Philipp Seifert
Medizinische Klinik IV, LMU Klinikum München; Vorstand reSAILience e.V.