Individualisierte Arzneimitteltherapie in Anästhesie und Intensivmedizin

Die Konzentrationen von Antibiotika bei kritisch kranken PatientInnen liegen zu häufig im subtherapeutischen oder toxischen Bereich. Die Leitlinie der Surviving Sepsis Campaign empfiehlt daher bei der Dosierung von Antibiotika sogenannte pharmakokinetisch/pharmakodynamische Indizes zu berücksichtigen und ein TDM und/oder Dosierungstools zu verwenden. In unserer Arbeitsgruppe zielen wir darauf ab, die Therapie von kritisch kranken PatientInnen zu individualisieren und hierbei pharmakokinetische („Was macht der Körper mit dem Medikament“) und pharmakodynamische („Was macht das Medikament im Körper“) Eigenschaften zu berücksichtigen. Hierzu verwenden wir populationspharmakokinetische (PopPK) Modelle. Die Verwendung eines Modells ggf. in Kombination mit TDM ermöglicht es die Therapie für PatientInnen zu optimieren und wird als modellbasierte Präzisionsdosierung (MIPD, model-informed precision dosing) bezeichnet. Das Ziel unserer Arbeit ist die Implementierung zielgenauer, modellbasierter Dosierungstechniken in die klinische Praxis. Hierfür müssen jedoch zumeist in einem ersten Schritt die theoretischen Grundlagen geschaffen werden. 

Forschungsprojekte

Forschungsprojekt 1:
Individualisierung der Piperacillin-Therapie bei kritisch kranken IntensivpatientInnen

Piperacillin/Tazobactam ist das meistgenutzte Antibiotikum auf deutschen Intensivstationen zur Behandlung schwerer Infektionen. Daher wurden bereits zahlreiche PopPK-Modelle für Piperacillin/Tazobactam entwickelt. Ziel des Projektes ist die Evaluierung bereits publizierter PopPK-Modelle bzgl. ihrer Vorhersagequalität für IntensivpatientInnen inklusive Subgruppenanalyse (z. B. Stratifizierung nach Geschlecht) und wenn nötig die Neuentwicklung eines Modelles für bestimmte Subgruppen vorzunehmen. Hierbei sollen die Voraussetzungen für die klinische Anwendbarkeit eines oder mehrerer Modelle für IntensivpatientInnen geschaffen werden (gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, 504995322).

Forschungsprojekt 2:
Individualisierung der Linezolid-Therapie bei kritisch kranken IntensivpatientInnen durch Populationspharmakokinetik.

Linezolid gewinnt mit seiner Wirksamkeit gegenüber resistenten Problemkeimen zunehmend an Relevanz. Das Antibiotikum weist jedoch eine hohe pharmakokinetische Variabilität auf, was zu Unter- oder Überdosierung führen kann. In den letzten Jahren sind deshalb viele populations-pharmakokinetische Modelle publiziert worden. Ähnlich wie im Piperacillin-Projekt führen wir für Linezolid eine externe Modellevaluation der bereits publizierten Modelle durch (gefördert von der Else-Kröner Fresenius Stiftung, 2022_EKEA.156).

Forschungsprojekt 3:
Dosierungs-Software-Tools zur individualisierten Antibiotikatherapie als Strategie zur Optimierung der perioperativen Patientenversorgung auf der Intensivstation: Eine systematische Evaluierung ihrer Benutzerfreundlichkeit als Entscheidungsgrundlage für deren klinischen Implementierung

Dieses Projekt zielt auf eine systematische Evaluierung von Dosierungs-Software-Tools für Beta-Laktam-Antibiotika ab und umfasst vier aufeinander aufbauende Projektphasen. In einem ersten, bereits abgeschlossenen Teilprojekt wurden im Rahmen einer systematischen Literaturrecherche 13 aktuell verfügbare Tools identifiziert und hinsichtlich praxisrelevanter Eigenschaften charakterisiert. Aufbauend darauf erfolgt derzeit eine multizentrische Evaluierung der Vorhersagegenauigkeit ausgewählter Tools für Piperacillin- und Meropenem-Konzentrationen bei Intensivpatient:innen, wobei erste Ergebnisse eine vielversprechende Genauigkeit insbesondere unter Einbeziehung von TDM-Daten zeigen. In einem weiteren geplanten Schritt werden die Dosierungsempfehlungen vielversprechender Tools für Beispielpatient:innen verglichen, um die klinische Relevanz unterschiedlicher Vorhersagegenauigkeiten zu untersuchen. Auf Basis der Ergebnisse der Projektphasen 1–3 werden schließlich zwei bis vier geeignete Tools für eine abschließende Benutzerfreundlichkeitsstudie ausgewählt (gefördert von der Stiftung Patient & Klinische Pharmazie).

Forschungsprojekt 4:
Entwicklung eines Populationspharmakokinetischen Modells für CFTR-Modulatoren mit dem Ziel einer individualisierten Dosierung.

Mukoviszidose (CF) ist die häufigste autosomal rezessiv vererbte Stoffwechselerkrankung mit einer durchschnittlichen Prävalenz von 1:2500 und wird durch Defekte im CFTR-Gen (cystic fibrosis transmembrane conductance regulator) verursacht. Die neuesten und am weitesten entwickelten Medikamente zur Behandlung der Mukoviszidose sind so genannte CFTR-Modulatoren, die die Funktionalität des CFTR-Kanals erhöhen, was zu subjektiven und klinischen Verbesserungen führt. Heute werden etwa 70-80% der CF-Patienten mit einer Kombination von 3 CFTR-Modulatoren behandelt.

Um die Nebenwirkungen zu reduzieren und eine individualisierte, präzise Dosierung zu gewährleisten, analysieren wir Daten aus dem Therapeutischen Drug Monitoring (TDM) von CFTR-Modulatoren und deren Metaboliten.

Ziel dieses Projektes ist die Entwicklung eines populationspharmakokinetischen Modells mit Hilfe der Software NONMEM. Basierend auf diesem Modell soll in Zukunft eine individualisierte Präzisionsdosierung mittels Bayes'scher Prädiktion ermöglicht werden.

Das Projekt wird vom Deutschen Zentrum für Lungenforschung (DZL) gefördert.

Forschungsprojekt 5:
Das edukative Dosierungstool TDMx

Das Erreichen von therapeutischen Antibiotika-Konzentrationen stellt für Kliniker:innen auf der Intensivstation trotz Berücksichtigung von standardisierten Dosierungsempfehlungen, klinischer Erfahrung und therapeutischem Drug Monitoring (TDM) oft eine Herausforderung dar.

Zur Unterstützung einer individuellen Dosierung können populationspharmakokinetische (PopPK) Modelle eingesetzt werden, welche patientenspezifische Faktoren berücksichtigen. Das Dosierungstool TDMx ermöglicht die Illustration von Dosierungsstrategien durch PopPK-Modelle. In diesem Projekt evaluieren wir den edukativen Einsatz dieses Dosierungstools.

Forschungsprojekt 6: MicroLUNG: Präzisionsmedizin für bessere Langzeit¬Ergebnisse nach Lungentransplantation

Lungentransplantationen sind für viele PatientInnen die letzte lebensrettende Option – doch die Langzeitüberlebensraten stagnieren. Immunantworten und die Lungen-Mikrobiota sind entscheidend für den Transplantationserfolg und werden stark von Medikamenten beeinflusst. Dennoch basiert die heutige Therapie meist noch auf Erfahrungswerten statt auf individuellen Daten.

MicroLUNG entwickelt erstmals einen integrierten Ansatz ökologischer Präzisions-Pharmakotherapie. Dafür werden bei 75 Transplantierten umfangreiche Verlaufsdaten erhoben: Medikamentenspiegel, Immunmarker sowie bakterielle, virale und fungale Gemeinschaftsstrukturen. Mithilfe moderner PK/PD-Modelle analysiert MicroLUNG, wie Medikamentendosen die Mikrobiota, das Immunsystem und letztlich die Organfunktion beeinflussen.

Auf Basis dieser Erkenntnisse entstehen vorhersagbare, klinisch nutzbare Modelle, die patientenindividuelle Therapieempfehlungen in Echtzeit liefern – über eine offene, frei verfügbare Dosierungsplattform.

Ziel ist ein entscheidender Fortschritt in den Langzeitergebnissen nach Lungentransplantation sowie ein übertragbares Konzept für präzise Pharmakotherapie bei komplexen immunvermittelten Erkrankungen.

Kontakt

PD Dr. Uwe Liebchen

Leitung der Arbeitsgruppe

Wichtige Kooperationspartner

  • Abteilung für klinische Pharmazie, Wien, Prof. Minichmayr

  • Mukoviszidose Ambulanz, LMU, Dr. S. Nährig

  • Institut für Laboratoriumsmedizin, LMU, Prof. Vogeser, Dr. Paal

  • Institut für klinische Pharmazie, LMU, PD Mannell

  • Zentrum für Pharmakologie, Universität Köln, Prof. Fuhr

  • Universität Hamburg, Institut für Pharmazie, Prof. Wicha

  • Universität FU Berlin, Institut für Pharmazie, Prof. Kloft

  • Universität Regensburg, klinische Pharmazie, PD Dorn

  • Klinikum Heidenheim, Prof. Brinkmann, Dr. Otto Frey

  • Universitätsklinik Heidelberg, PD Dr. Ute Chiriac

  • Universitätsklinikum Jena, PD Hagel

  • Helmholtz Munich, Prof. Schloter, Dr. Gschwendtner

Postdoktorandinnen

  • Sina Pesthy

  • Dr. Alexandra Kunzelmann

  • Dr. Torsten Dilger

  • Dr. Johannes Kinzinger  

DoktorandInnen

  • Johannes Starp

  • Sabrina Böing

  • Christina Kinast

  • Sebastian Greppmair

  • Maximilian Stoschus

  • Hanna Wagner

  • Johanna Sedlmeyr

Ausgewählte Publikationen